Call for Papers

Auf der Tagung "Das heutige gesprochene Deutsch zwischen Sprachkontakt und Sprachwandel" soll die folgende Frage näher beleuchtet werden: Was geschieht aktuell in der gesprochenen deutschen Sprache?

Bereits vor drei Jahrzehnten erörterten Barbour/Stevenson (1990) das Wechselspiel von Standard- und Nicht-Standard-Varietäten, von sozialer und geographischer Variation, von Sprachkontakt und Sprachkonflikt im deutschen Sprachraum und ergründeten die Stellung des Deutschen in multilingualen bzw. multilingual werdenden Sprechergemeinschaften. Seitdem hat sich infolge von tief einschneidenden Prozessen wie Globalisierung, Migration und technischem Fortschritt gesellschaftlich sowie (medien)technisch Vieles grundlegend verändert. Die (deutsche) Sprache – besonders in ihrer mündlichen Ausprägung – ist von diesen Umwälzungen nicht unberührt geblieben: Der inhärent flüchtige Charakter mündlicher Echtzeit-Sprachproduktion und das Zusammenspiel von Normbeachtung und Normabweichung machen sie zum fruchtbaren Boden für Neuerungen, die soziale Entwicklungen widerspiegeln können.

Den Schwerpunkt der Tagung bilden Reflexionen zu drei Themenkomplexen.

Im ersten Themenkomplex stehen Fragen zum aktuellen Stand des gesprochenen Deutsch in den nationalen Varietäten im Fokus. Für das Deutschlanddeutsche verzeichnet etwa Hinrichs (2012) Erscheinungen wie eine Reduktion der Kasus- und Numerusmarker und eine verstärkte Tendenz zum Analytismus (wobei es an Gegenbeispielen nicht fehlt, vgl. einige Beiträge in Bittner/Gaeta 2010); der Sprachkontakt zwischen dem Deutschen und den Herkunftssprachen von Sprecher/innen mit Migrationshintergrund gilt u.a. als treibende Kraft für die Entstehung neuer Varietäten (z.B. das Kiezdeutsch, Wiese 2012); deren salientere Züge können sich, wie Marossek (2016) feststellt, auch auf andere gesprochene Varietäten übertragen. Im standardnahen Bereich erkennt Auer (2017; 2018) die Tendenz zur Herausbildung eines ‚Neustandards‘: Dieser nimmt – anders als der schriftlich geprägte traditionelle Standard – seinen Ursprung gerade in der (konzeptionellen) Mündlichkeit; sein Prestige basiert auf Eigenschaften wie Modernität, Subjektivität und Informalität, die ihn zur idealen überregionalen Varietät für den Gebrauch in der massenmediengeprägten, globalisierten (deutschen) Gesellschaft machen. Die tatsächliche Verbreitung und die Entstehungsgeschichte dieser Phänomene werden im aktuellen linguistischen (und gesellschaftlichen) Diskurs teilweise kontrovers debattiert (vgl. z.B. Gispert 2012, Schröder 2012): Die Frage, inwiefern das gesprochene Deutsch gerade einen beschleunigten Wandel erlebt, wird unterschiedlich beantwortet. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei dem Kontakt zwischen Varietäten des Deutschen sowie zwischen dem Deutschen und den Herkunftssprachen (Hofmann 2018, Freywald et alii 2021).

Inhalt des zweiten Themenkomplexes bilden (vornehmlich) gesprochene Varietäten des Deutschen, die sich – durch ihre geographische Lage bedingt – am Rande des deutschen Sprachraums befinden oder gar von ihm getrennt sind. Durch ihre Stellung als Minderheitensprachen bzw. Sprach(halb)inseln befinden sich diese Varietäten im Kontakt mit den umliegenden (nicht-deutschen) lokalen und regionalen Varietäten sowie der jeweiligen Dachsprache: Daraus entstehen teilweise komplexe Dynamiken, die sich auf unterschiedliche linguistische Ebenen niederschlagen. Die Forschung konzentriert sich aktuell auf die Ermittlung und Beschreibung von Sprachkontakt- bzw. Sprachkonfliktkonstellationen (Schulze et alii 2008, Lenz 2016, Rabanus 2018, Lenz/Plewnia 2018) sowie auf die Suche nach möglichen Konvergenzphänomenen: Die Beiträge in Gaeta/Seiler (2021) etwa loten die Frage aus, ob die in den Alpen gesprochenen Sprachen/Varietäten einen Sprachbund bilden.

Der letzte Themenkomplex behandelt die Dokumentation des gesprochenen Deutsch. Diese Aufgabe stellte sich bis zur Entwicklung moderner Aufnahmegeräte und der entsprechenden Verarbeitungssoftware in mehrfacher Hinsicht als schwierig dar. Mit der Zeit wurden jedoch für die Transkription, Annotation und Systematisierung gewonnener Daten mehrere Instrumente entwickelt: Für viele, auch aussterbensbedrohte Varietäten stehen nun digitalisierte Korpora zur Verfügung, die den wissenschaftlichen Zugang zu diesen Varietäten erleichtern und qualitative sowie quantitative Studien erlauben (Kupietz/Schmidt 2018). Diesem Themenkomplex kann ebenfalls das Zusammenspiel von konzeptioneller Mündlichkeit und medialer Schriftlichkeit bei der computervermittelten bzw. internetbasierten Kommunikation und der damit verbundene Bedarf, Korpora der digitalen Sprache aufzubauen, zugerechnet werden (Androutsopoulos 2007, Beißwenger 2017, Androutsopoulos/Busch 2020).

Vorschläge mit unterschiedlichen theoretischen Rahmen können u.a. zu den folgenden Themen eingereicht werden:

  • Beschreibungsansätze des gesprochenen Deutsch

  • das gesprochene Deutsch aus phonetischer Perspektive

  • Morphologie und Syntax des gesprochenen Deutsch

  • Lexik und Wortbildung des gesprochenen Deutsch

  • Pragmatik des gesprochenen Deutsch

  • Interaktion zwischen sprachlichen Ebenen im gesprochenen Deutsch

  • Sprachwandel im heutigen gesprochenen Deutsch

  • Normbeachtung und Normabweichung im gesprochenen Deutsch

  • Herausbildung neuer Varietäten und Kommunikationsformen im gesprochenen Deutsch

  • das gesprochene Deutsch im Kontakt innerhalb und außerhalb des deutschsprachigen Raums

  • das gesprochene Deutsch der Sprachinseln

  • Dokumentation des gesprochenen Deutsch

  • gesprochenes Deutsch und neue Medien.

Geplant sind 20-minütige Vorträge mit anschließender 10-minütiger Diskussion. Die Abstracts (max. 400 Wörter exklusive Beispiele und Literaturhinweise) sind bis zum 31.03.2022 an die E-Mail-Adresse tagunggesprochenesdeutsch@unito.it einzusenden. Tagungssprache ist Deutsch.



Literaturverzeichnis

Androutsopoulos, Jannis (2007): Neue Medien – neue Schriftlichkeit? In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 1/07, S. 72-97.

Androutsopoulos, Jannis / Busch, Florian (2020): Register des Graphischen. Berlin / Boston: de Gruyter.

Auer, Peter (2017): The neo-standard of Italy and elsewhere in Europe. In: Cerruti, Massimo / Crocco, Claudia / Marzo, Stefania (eds): Towards a new standard: Theoretical and empirical studies on the restandardization of Italian. Berlin / New York: de Gruyter, S. 365-374.

Auer, Peter (2018): The German neo-standard in a European context. In: Stickel, Gerhard (ed.): National language institutions and national languages. Contributions to the EFNIL Conference 2017 in Mannheim. Budapest: Research Institute for Linguistics, Hungarian Academy of Sciences, S. 37-56.

Barbour, Stephen / Stevenson, Patrick (1990): Variation in German. A critical approach to German sociolinguistics. Cambridge: CUP.

Beißwenger, Michael (Hrsg.) (2017): Empirische Erforschung internetbasierter Kommunikation. Berlin / Boston: de Gruyter.

Freywald, Ulrike et alii. (erscheint 2021): Deutsche Sprache der Gegenwart. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler.

Bittner, Dagmar / Gaeta, Livio (Hrsg.) (2010): Kodierungstechniken im Wandel. Das Zusammenspiel von Analyitik und Synthese im Gegenwartsdeutschen. Berlin / New York: de Gruyter.

Gaeta, Livio / Seiler, Guido (Hrsg.) (erscheint 2021): The Alps as a linguistic area. Special Issue of Language Typology and Universals (STUF) 74.2.

Hinrichs, Uwe (2012): Multi Kulti Deutsch. Wie Migration die deutsche Sprache verändert. München: Beck.

Hofmann, Ute (2018): Fragestellungen zur Interaktion von Sprachwandel und Sprachvarietäten. In: Ziegler, Arne (Hrsg.): Jugendsprachen. Aktuelle Perspektiven internationaler Forschung / Youth languages. Current perspectives of international research. Berlin / Boston: de Gruyter, S. 67-83.

Gispert, Laura (2012): „Man misst hier mit zweierlei Maß“. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2012 (URL: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/streitfall-kiezdeutsch-man-misst-hier-mit-zweierlei-mass-11682110.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2).

Kupietz, Marc / Schmidt, Thomas (Hrsg.) (2018): Korpuslinguistik. Berlin / Boston: de Gruyter.

Lenz, Alexandra N. (Hrsg.) (2016): German Abroad – Perspektiven der Variationslinguistik, Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung. Göttingen: V&R unipress.

Lenz, Alexandra N. / Plewnia, Albrecht (Hrsg.) (2018): Variation – Normen – Identitäten. Berlin / Boston: de Gruyter.

Marossek, Diana (2016): Kommst du Bahnhof oder hast du Auto? Warum wir reden, wie wir neulich reden. München: Hanser Berlin.

Rabanus, Stefan (Hrsg.) (2018): Deutsch als Minderheitensprache in Italien. Theorie und Empirie kontaktinduzierten Sprachwandels. Hildesheim/Zürich/New York: Olms.

Schröder, Lothar (2012): „Kiezdeutsch ist kein Dialekt“. RP online, 22.04.2012 (URL: https://rp-online.de/kultur/kiezdeutsch-ist-kein-dialekt_aid-14347065).

Schulze, Mathias et alii (Hrsg.) (2008): German Diasporic Experience. Identity, Migration, and Loss. Waterloo: Wilfrid Laurier University Press.

Wiese, Heike (2012): Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: Beck.